2. Heimerziehung und formale Bildung


also einmal von der emotionalen Unterstützung hätte ich mir zum Beispiel von der Bezugsbetreuerin ähm gewünscht, ähm dass das ähm man, dass man vielleicht erklärt bekommen hätte oder darauf vorbereitet äh geworden wär, ähm wie, wie das so in der Uni abläuft

So also, ja dass man so ein bisschen ähm ja dass, dass die halt ihre, dass die Pädagogen halt dann irgendwie ihre akademischen Erfahrungen dann irgendwie an interessierte Jugendliche dann irgendwie ein bisschen, ein bisschen weitergeben, so dass na ja.

Zitate von Care Leavern

also einmal von der emotionalen Unterstützung hätte ich mir zum Beispiel von der Bezugsbetreuerin ähm gewünscht, ähm dass das ähm man, dass man vielleicht erklärt bekommen hätte oder darauf vorbereitet äh geworden wär, ähm wie, wie das so in der Uni abläuft“ (Akin)

also einmal von der emotionalen Unterstützung hätte ich mir zum Beispiel von der Bezugsbetreuerin ähm gewünscht, ähm dass das ähm man, dass man vielleicht erklärt bekommen hätte oder darauf vorbereitet äh geworden wär, ähm wie, wie das so in der Uni abläuft“ (Akin)

  1. Schule als normaler und verlässlicher Ort

Schule als normaler Ort wird dabei von einigen jungen Menschen trotz – oder gerade wegen – instabiler familiärer Verhältnisse als stabilisierend erlebt. Verlässlichkeit wird auch in der Kontinuität von Schule erlebt. Im Gegensatz zu vielfältigen Umzügen von der Herkunftsfamilie in die Jugendhilfe und innerhalb dieser, wird Schule als ein Ort erlebt, der Kontinuität ermöglicht. Die jungen Menschen erleben einen Ort, an dem sie „alles gebacken“ bekommen und den sie als „verlässlichen Lebensbereich“ wahrnehmen. Die klaren Anforderungen sind im Gegensatz zu diffusen privaten Lebenssituation kalkulierbar und strukturgebend. Das Abschätzen-Können, was zu leisten ist, und das Vertrauen darauf diesen Erwartungen gerecht werden zu können, gibt den Care Leaver Sicherheit und Stabilität. An dieser Stelle muss nochmals betont werden, dass es sich bei den interviewten Care Leaver häufig um junge Menschen handelt, denen das Lernen relativ leicht fiel (so war beispielsweise Melanie trotz vielfältiger Fehlzeiten aufgrund Psychiatrieaufenthalten Klassenbeste). Für die Diskussion um eine inklusive Schule würde dies jedoch bedeuten, mit den jungen Menschen individuelle Leistungsanforderungen zu erarbeiten und diese je individuell kalkulierbar und erwartbar zu gestalten, um Sicherheit statt Verunsicherung zu produzieren. Anders als das vier-gliedrige Schulsystem will „eine Schule für alle“ gerade keine oder weniger „Verschiebebahnhöfe“ produzieren und möglichst kontinuierliche Schulformen und Gruppenverbände stärken.

  1. Beziehungen zu signifikanten Anderen

Auch Paul erlebt die Beziehung zu seiner Grundschullehrerin als riesige Ressource und großes Glück:

also ich hatte immer Menschen in meiner Umgebung die mich unterstützt haben was ich denke was ein ganz wichtiges Kriterium ist wenn man aus schwierigen Verhältnissen kommt dass man quasi Menschen hat die ja so an einen glauben sag ich mal unterstützen und einen helfen (.) und das hat angefangen mit meiner ehemaligen Grundschullehrerin die hatte ich in der 1. 2. Klasse die dann immer noch Kontakt gesucht hat und ich dann mir auch das Gymnasium ausgesucht hab […]und dann war ich tatsächlich drei Jahre lang von der 5. 6. 7. Klasse einmal bei ihr daheim in der Woche bei ihr daheim zum Mittagessen Hausaufgaben machen was mir halt ja schon gut getan hat auf jeden Fall“ (Paul)

Paul wäre ohne die Unterstützung seiner ehemaligen Grundschullehrerin wohl nicht aufs Gymnasium gegangen. Sie bietet ihm eine Unterstützungsstruktur abseits von professionellen Rollen. Hier fühlt er sich als Mensch ernst genommen und wertgeschätzt. In den Interviews wird im Umkehrschluss auch von Zuschreibungen und Vorurteilen von Seiten der Lehrer/innen berichtet, in welchen sie auf ihre Heimerziehungsgeschichte reduziert und nicht als individueller Mensch ernstgenommen werden.

Für die Gestaltung professioneller Beziehungen kann anhand der Geschichte von Paul deutlich gemacht werden, wie wichtig es für Kinder und Jugendliche ist, an sie zu glauben und ihnen etwas zuzutrauen. Dies kann auch innerhalb der Struktur Schule gelingen und muss nicht ins private Wohnzimmer umgesiedelt werden.

  1. Peer-Beziehung in Schule

mit denen in meiner Klasse hatte ich äh im Prinzip nichts zu tun ich war da eigentlich ja ich war schon auch Außenseiter da weil ich (.) ich habe halt wenig gesprochen und ich habe ähm mich sehr zurückgezogen und ich konnte auch mit den Leistungen einfach nicht mithalten und zwar nicht weil ich wie ich denke (.) ähm irgendwie das von der Intelligenz nicht leisten konnte sondern einfach weil ich mental überhaupt nicht fähig war also irgendwas ähm abzurufen“ (Corinna)

Während Corinna argumentiert, dass sie aufgrund der nicht abrufbaren Leistungen eine Außenseiterposition in ihrer Schulklasse einnimmt, macht Paul deutlich, dass die Außenseiterposition zum Leistungsabfall führt, indem er einen Zusammenhang zwischen Einzug in die Wohngruppe und Mobbing in der Schule betont, woraufhin seine „Noten richtig in den Keller gerutscht“ sind. „Freunde zu finden war als Heimkind nicht ganz so einfach, es war nicht unmöglich aber es war auch nicht ganz einfach“ so berichtet Sebastian und macht deutlich, dass es „gewisse Berührungsängste“ – vor allem auch aufseiten der Eltern seiner Freunde – zu ihm als Heimkind gab.