6. Fallbeispiel Paula – „sich alleine durchboxen müssen“

das ist ja nur ein Einzelfall

aber jeder und jede hat doch das Recht sich an der Hochschule wohlzufühlen…

Paula ist zum Zeitpunkt des Interviews 26 Jahre alt und studiert Biologie in einer süddeutschen Großstadt. Sie ist mit 14 Jahren von ihrer Herkunftsfamilie in eine Pflegefamilie gezogen, weil sie die Verhältnisse und die Situation zuhause nicht mehr ausgehält. Mit dieser Entscheidung stellt sie sich gegen ihre leibliche Mutter und ihren Stiefvater und versucht ihre Geschwister ebenfalls zu einem Auszug zu motivieren. Paula wechselt später die Pflegefamilie und zieht mit 17 Jahren mit ihren damaligen Freund zusammen. Nach verschiedenen Durchsetzungsbemühungen bei Ämtern um die Finanzierung ihrer Schulausbildung und ihres Lebensunterhalts zu sichern, gelingt es ihr nach mehreren Schulwechseln die Fachhochschulreife zu erwerben. Paulas Jugend ist davon gekennzeichnet sich um vielerlei Dinge selbst kümmern zu müssen, ebenso von gesundheitlichen Problemen.

Paula macht in ihrer biographischen Erzählung deutlich, dass ihre Kindheit von vielfachen prekären Verhältnissen geprägt war, sie diese aber nicht immer als solche erlebt hat. Viel mehr wurden die Verhältnisse erst in der Abgrenzung mit dem Außen wahrnehmbar – was deutlich macht, dass Armut stets mit gesellschaftlichen Normen in Zusammenhang steht.

ja (2) angefangen hat das Ganze glaub ich schon in der Grundschule da ähm also angefangen hat es natürlich schon zu Hause meine&mein Vater hat äh meine Mutter schon direkt nach meiner Geburt verlassen und dann ist mein Bruder geboren und auch der Mann war dann wieder weg und ähm dann sind wir auch ziemlich viel hin- und hergezogen wir hatten auch ziemlich wenig Geld also es war ne ja ne anstrengende Zeit aber also ich hab die jetzt als Kind halt so jetzt nicht als schlimm empfunden ich kann mich da jetzt also an diese Phase nicht so sehr erinnern dass ich das jetzt irgendwie als besonders schlimm empfunden habe […] mh und dann aber äh richtig rausgekommen ist das so in der&in der Grundschule wo in der dritten Klasse meine Grundschullehrerin so irgendwie gemerkt hat ja irgendwas stimmt mit der nicht und ähm die ist nicht&das ist nicht einfach nur ein nerviges Kind oder die ist nicht einfach nur irgendwie anstrengend sondern da steht auch irgendwie was dahinter“ (Paula)

Paulas frühe Kindheit ist geprägt von unsicheren bzw. nicht-verlässlichen Beziehungen. In dieser Beziehungsinstabilität mischt sich auch eine Instabilität von Orten. Das Hin- und Herziehen zeugt von Unklarheit und ist verbunden mit einem Nicht-Wissen, wo man hingehört. Zu diesen Unsicherheiten kommt noch ein Mangel an Geld. Unklarheit bezüglich der familiären Verhältnisse und Unsicherheit wird hier gemeinsam mit finanzieller Armut als Grundlage des Aufwachsens von Paula herauszustellen. Dennoch erlebt Paula diese Situation als Kind nicht als schlimm, es scheint „normal“ für sie zu sein und sie kennt es möglicherweise nicht anders. Erst Personen außerhalb der Familie – wie ihre Grundschullehrerin – nehmen Paula und ihr Verhalten wahr und erkennen darin, dass zu Hause etwas schief läuft. Dieses Erkennen definiert Paula als den Anfang des Ganzen und meint damit, dass ab diesem Zeitpunkt die Jugendhilfe Teil ihres Lebens wurde.

Die finanzielle Situation ist gekennzeichnet davon, dass die Eltern sich etwas gönnen, gleichzeitig aber nicht für die grundlegenden Bedürfnisse der Kinder gesorgt wird:

meine Mutter und mein Stiefvater hatten sich zwischenzeitlich schon mal wieder getrennt und dann ist sie einfach nach oben gezogen und er ist dann unten geblieben im Haus und dann hat sie sich oben halt ein neues Schlafzimmer noch bestellt und dann haben die beiden sich aber wieder vertragen und dann dachten sie weil sie sich jetzt vertragen haben und jetzt oben und unten ein Schlafzimmer haben müssen sie für unten noch ein neues Schlafzimmer kaufen weil (.) weiß ich nicht kommt der logische Menschenverstand nicht mehr mit […] ihr habt (lauter) zwei Schlafzimmer und wir haben kein Geld wir geben unser Geld für Bier Zigaretten und neue Schlafzimmer aus und haben manchmal nichts zu Essen im Kühlschrank was soll das das kann ja nicht sein ja dann hab ich natürlich einen drauf gekriegt (.) ist ja klar kann ja nicht sein dass so ein 14-jähriges Mädchen irgendwie ähm sich da gegen den Stiefvater auflehnt“ (Paula)

In dieser Situation konstruiert sich Paula in Abhängigkeit von ihren Eltern. Deren Handeln sei zwar mit „logischem Menschenverstand“ nicht zu verstehen, dennoch könne sie als 14-jähriges Mädchen nichts ausrichten. Den „logischen Menschenverstand“ spricht sie dabei ihren Eltern ab und stellt sich somit in ihrer Deutung über deren Verstand. Sie setzt sich für sich selbst und ihre Geschwister ein und macht deutlich, dass das Geld für „falsche“ Dinge ausgegeben wird. Ihr Unverständnis und ihre Kritik an dem Umgang mit Geld in der Familie werden sanktioniert und somit dem Bedürfnis nach einem vollen Kühlschrank nicht nachgekommen. Nicht die Tatsache, dass die Familie wenig Geld zur Verfügung hat, stößt bei Paula auf Unmut, sondern die fehlende Sorge der Eltern um die Kinder.

Die finanzielle Situation verändert sich, als Paula bei der Pflegefamilie ist – sie berichtet davon, dass sie „150 Euro für Unterwäsche ausgegeben“ hat: „ich hab in meinem Leben noch nie so viel Geld vorher überhaupt für (leicht lachend) Kleidung ausgegeben und dann nur für Unterwäsche“. Zu Weihnachten bekommt sie einen Rucksack von „Eastpack den immer alle hatten“. Die „Qualitätsverbesserung alleine vom Geld her das war total krass“ und führt auch dazu, dass Paula sich aufgrund spezifischer „Statussymbole“, wie den Eastpack-Rucksack zu ihren Peers zugehörig fühlt. Die Lebenssituation von Paula verbessert sich über diese finanzielle Situation, jedoch kommt es aufgrund sozialer Probleme in der Pflegefamilie zum Wechsel der Pflegefamilie. In der zweiten Pflegefamilie, in der Paula lebt, kehrt sich das Bild erneut um. Ihre finanzielle Situation verschlechtert sich und sie ist häufig auf sich allein gestellt:

zum Beispiel finanziell war es da wieder viel viel schlechter als bei [Name der früheren Pflegemutter] vorher (räuspert sich) weil ich wirklich ich hab zwar ein gutes Taschengeld bekommen aber ich musste davon auch meine Schulsachen meine Klei- meine Kleidung alles selber irgendwie tragen und das (ja?) passte einfach hinten und vorne nicht und ähm wenn man dann jugendlich ist dann macht man auch mal irgendwie ein Fehlkauf und dann hatt ich auf einmal im Winter keine Schuhe oder so und dann musst ich bitteln und betteln w- (I: mhm) dass ich irgendwie Geld für was Neues bekomme […] dann hab ich halt angefangen zu arbeiten (.) und hab mit 15 angefangen zu kellnern hab gesagt dass ich 16 bin (räuspert sich) damit die mich da reinlassen und hab da dann jedes Wochenende eigentlich gearbeitet und auch gut Geld verdient und so konnt ich mich dann auch über Wasser halten und danach hab ich erst recht kein Geld mehr von den [Pflegeeltern] bekommen weil die dann gesagt haben ja du arbeitest jetzt ja und was völliger Blödsinn ist“ (Paula).

In der neuen Pflegefamilie wird Paula finanziell wenig unterstützt, sie beschreibt, dass sie arbeiten gehen muss, um mit dem Geld klarzukommen. Dabei wird von ihr als 15-jährige erwartet, dass sie mit Geld umgehen kann und dass sie überblicken kann, was sie benötigt, wie beispielsweise Winterschuhe. Sie kann sich somit als Jugendliche keinen „Fehlkauf“ und keine falsche Entscheidung leisten. Jugend wird hier abseits von Ausprobieren und Erproben konstruiert, sondern ist stets mit vielfältigen Formen der Verantwortungsübernahme verbunden. Paula muss arbeiten gehen und zwar unter illegalen Bedingungen, sie gibt sich als älter aus als sie ist. Diese erworbene finanzielle Unabhängigkeit und mehr Selbständigkeit führt jedoch dazu, dass Paula immer noch mehr für sich selbst sorgen muss und in letzter Konsequenz dann entscheidet, frühzeitige aus der Pflegefamilie auszuziehen und mit ihrem Freund zusammenzuwohnen:

und dann ging das aber mit meinen Pflegeeltern immer schlechter dass die immer öfter irgendwie was zu meckern hatten und sich irgendwo einmischen wollten ähm (.) also da&oder&oder mich auch wieder nicht unterstützt haben und wo ich dann irgendwann gesagt habe Mensch wenn ich sowieso alles alleine machen muss ich muss selber arbeiten ich muss selber für mich sorgen ich&ich muss mich um alles selber kümmern die haben mich auch nicht mal irgendwie wenn ich zum Arzt musste oder so die haben mich nicht zum Arzt gefahren dann sollt ich den Bus nehmen oder also das&das waren so Sachen die mich&oder die wollten mich überhaupt nirgendswohin fahren am besten und so Sachen wo ich einfach auch bei anderen gesehen habe warum bringen denn die Eltern ihre Tochter irgendwie zum Fußball oder warum bringen die die ins Kino oder und (lacht auf) die gehen ganz sicher auch mit denen zum Arzt (.) ähm (.) das war einfach nicht“(Paula)

Da Paula ihre Pflegeeltern nicht mehr als unterstützend, sondern eher als kontrollierend erlebt, beschließt sie auszuziehen. Dabei zieht sie einen Vergleich zu anderen Peers, die von ihren Eltern sogar zum Fußball gefahren werden. Sie hingegen wird nicht mal zum Arzt gebracht. Sie fühlt sich auf sich alleine gestellt und nicht mal im Krankheitsfall hat sie das Gefühl sich auf ihre Pflegeeltern verlassen zu können. Paula zieht mit ihrem Freund Chris zusammen, der sie auf vielfältige Art und Weise unterstützt:

wobei er der einzige war der die ganze Zeit sich um mich gekümmert hat und der mir im Prinzip nicht nur die Pflegeeltern sondern auch die richtigen Eltern und sämtliche Geschwister und Onkel und Tanten und alles ersetzt hat weil also der hat ja alles gemacht […] der hat auch so viel&also so viel Zeit so viel Geld und so viel Kraft für mich investiert“ (Paula)

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Paulas biographische Erzählung von verschiedenen prekären Bewältigungslagen gekennzeichnet ist. Es wird deutlich, dass sowohl das Fehlen von ausreichend Nahrungsmittel bewältigt werden musste, welches wiederum mit finanziellen Ressourcen einhergeht, aber auch die fehlenden elterliche (Für-)Sorge. So macht Paula transparent, dass durchaus Geld in der Familie zur Verfügung stand, dieses aber für – in ihren Augen – falsche Dinge ausgegeben wurde. In letzter Konsequenz führen diese Armuts- und Vernachlässigungserfahrungen zur der Herausnahme aus der Familie. Lutz (2013) verweist darauf, dass Kinder und Jugendliche in den Erziehungshilfen häufig aus „erschöpften Familien“ kommen, in denen (Unterstützungs-)Strukturen in der Bewältigungslage nicht mehr aufrecht gehalten werden konnten. Aus einer intersektionalen Perspektive wird deutlich, dass die finanzielle Lage in der Bewältigungslage mit anderen sozialen Bedingungen – Gender, familiale Herkunft, Beeinträchtigungen – verflochten wird. Zudem bringen finanzielle Ressourcen und damit verbunden beispielsweise der Erwerb von Konsumgütern, wie ein Eastpack-Rucksack, Ansehen bei den Peers und führt über Zugehörigkeit und Akzeptanz zu mehr Wohlbefinden. Interessant ist auch, das Paula ihre Lebensgeschichte und die jeweilige Familiensituation in der unterschiedlichen (Pflege-)Familien im Kontext derer finanziellen Ressourcen beschreibt und damit die Verflechtung zwischen mangelnden finanziellen Ressourcen und mangelnder Fürsorge sowohl verstärkt als gleichzeitig auch entkräftet wird. Die angespannte (finanzielle) Situation führt letztlich dazu, dass Paulas Jugend davon geprägt ist, sich keinen Fehler leisten zu dürfen. Darüber hinaus muss sie die instabilen Sorgebeziehungen dadurch ausgleichen, dass sie sich selbst um verlässliche Beziehungen kümmert. Damit verbunden ist ein hohes Maß an Selbständigkeit und Verantwortung erforderlich. Insbesondere in Krankheitsphasen (psychischer und physischer Art) ist sie auf Unterstützung von außen angewiesen und kann sich hierbei lediglich auf ihren Freund verlassen, der ihr „Familie“ ist. Darin eingelagert ist der Herstellungsversuch einer „neuen Familie“. Mit diesen Erfahrungen gestaltet Paula schließlich auch den Übergang in die Hochschule – sie muss Selbständigkeit beweisen und sich alleine durchboxen. Ihr Freund hat sich kurz vor Studienbeginn von ihr getrennt, so dass den Schritt in eine neue Stadt, in das Studium und in einen neuen Bekanntenkreis alleine bewältigen muss. Das Ziel des Studiums gibt ihr dabei Orientierung. So sind Care Leaver herausgefordert ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen und sich von schwierigen Lebensumständen nicht gleich aus der Bahn werfen zu lassen.